Musikverein Tullnerbach: Jakob Gaede ist neuer musikalischer Leiter
Der Musikverein Tullnerbach hat mit Jakob Gaede einen neuen musikalischen Leiter gefunden. Der erfahrene Dirigent möchte musikalische Qualität, kreative Programmgestaltung und Nachwuchsarbeit in den Mittelpunkt stellen. Sein erstes Konzert mit dem Verein wird das Frühjahrskonzert sein.
Der Musikverein Tullnerbach hat einen neuen musikalischen Leiter gefunden: Mit Jakob Gaede steht ein erfahrener Dirigent am Pult des Vereins. Auf den 36-Jährigen setzt der Musikverein große Hoffnungen, nachdem Vorgänger Wolfgang Jakesch die musikalische Leitung nach 17 Jahren abgegeben hat (die NÖN berichtete).
„Wir sind sehr glücklich und geehrt, mit Jakob einen absoluten Profi für uns gewonnen zu haben. Ebenso möchten wir uns bei unserem bisherigen musikalischen Leiter Wolfgang Jakesch für die erfolgreiche Zusammenarbeit und seinen außergewöhnlichen Einsatz in den vergangenen 17 Jahren bedanken“, betonen die beiden Obleute Bernhard Zarbach und Michael Seemann.
Internationale Erfahrung am Dirigentenpult
Obwohl Gaede erst 36 Jahre alt ist, dirigiert er bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten. Der gebürtige Kölner absolvierte sein Studium im Fach Orchesterdirigieren in Den Haag und Maastricht. Danach leitete er Opernproduktionen in Bulgarien und den Niederlanden sowie mehrere Musikvereine und Symphonieorchester in Deutschland und den Niederlanden. Erst vor Kurzem zog er nach Wien und wurde dadurch auf die Ausschreibung des Musikvereins Tullnerbach aufmerksam.
Ein besonderes Verhältnis hat der neue Kapellmeister zur Musik schon seit frühester Kindheit. „Als ich klein war, war ich morgens meist schon im Morgengrauen wach. Weil meine Eltern noch nicht aufstehen wollten, haben sie mir Mahlers Zweite Sinfonie aufgelegt, ausgerechnet die ,Auferstehungssinfonie‘. Ich habe dazu gespielt oder einfach andächtig zugehört. Insofern verdanke ich Mahler meinen Eltern, und meine Eltern verdanken Mahler ihren Schlaf“, erzählt Gaede mit einem Schmunzeln.
Ausschlaggebend für seine Bewerbung in Tullnerbach sei die Offenheit des Vereins gewesen. „Ein sehr wichtiger Aspekt war, dass sich der Musikverein selbst als offen für kreative Ideen beschrieben hat. Wer das so deutlich hinschreibt, meint es auch so. Das hat mich neugierig gemacht.“
Musikalische Vision für die Zukunft
Besonders schätzt der Dirigent die Arbeit mit Blasorchestern und Musikvereinen. „In einem Musikverein sitzen Menschen aller Berufe und Generationen nebeneinander, mit ganz unterschiedlich viel Erfahrung auf dem Instrument. Alle gemeinsam weiterzubringen, die Anfängerin wie den Routinier, das ist die Kunst in der Probenarbeit. Und genau das reizt mich. Ein Profiorchester ist da viel einheitlicher.“
Welche musikalischen Schwerpunkte er in Tullnerbach setzen wird, möchte Gaede noch nicht vollständig verraten. Einen Hinweis gibt er aber: „Ich stelle Programme zusammen wie ein gutes Menü. Die Gänge müssen zueinander passen und aufeinander aufbauen, sonst bleibt es eine Aneinanderreihung.“
Die Region lernt der Neo-Wiener derzeit Schritt für Schritt kennen. „Wien ist großartig, das muss ich den Niederösterreichern nicht erzählen. Ich habe in einigen Städten gelebt, aber Weltklasse in Oper und Theater zu Preisen, bei denen sich jeder einen Abend leisten kann, das kenne ich nur aus Wien. Die ,G’schichten aus dem Wienerwald‘ kannte ich natürlich von Strauss. Jetzt lerne ich die echten kennen, Probe für Probe.“
Leonard Bernstein als Vorbild
Zu seinen musikalischen Vorbildern zählen einige der größten Namen der Klassik. Besonders Leonard Bernstein habe ihn geprägt. „Nicht nur wegen seiner Aufnahmen und seiner Musik, sondern vor allem, weil er wie kein Zweiter Musik erklären konnte.“ Ebenso nennt er Carlos Kleiber als „unangefochtenen Meister der Dirigierbewegung“ sowie Paavo Järvi, dessen Natürlichkeit und Klangvorstellungen er bewundert.
Für die kommenden Jahre formuliert der neue musikalische Leiter klare Ziele: „Ein Orchester, das ich über Jahre leite, soll am Ende besser klingen als am Anfang. Das ist mein Anspruch an mich selbst. Daran will ich mich in fünf Jahren messen lassen.“ Zudem möchte er mit dem Musikverein einen „großen Bogen durch die Blasmusik“ spannen und dem Publikum die Vielfalt dieses Genres näherbringen.
Nachwuchsarbeit im Fokus
Ein besonderes Anliegen ist ihm auch die Nachwuchsarbeit. Junge Menschen für Blasmusik zu begeistern gelinge vor allem über gute Musik, ist Gaede überzeugt: „Junge Leute merken sofort, ob ein Stück Spaß macht. Es hilft, wenn sie es kennen, aus dem Kino oder aus dem Internet, aber das allein reicht nicht. Man muss junge Musikerinnen und Musiker ernst nehmen.“
Seinem ersten Auftritt mit dem Musikverein Tullnerbach blickt er bereits mit Spannung entgegen. Dieser wird beim Frühjahrskonzert stattfinden. „Am meisten freue ich mich auf den Moment, in dem das Orchester zum ersten Mal vor seinem Publikum zeigt, was wir gemeinsam erarbeitet haben. Mich interessiert, ob der rote Faden des Abends für das Publikum spürbar wird. Das weiß man erst, wenn der letzte Ton verklungen ist.“
Musik bestimmt sein Leben
Wenn er einmal nicht dirigiert, widmet sich Gaede ebenfalls der Kunst. Derzeit verbessert er sein Italienisch, beschäftigt sich mit Film, Theater und Literatur oder sitzt selbst am Klavier. Ganz ohne Musik gehe es jedoch selten. „Und wenn ich nicht dirigiere, singe ich. Ganz ohne Musik halte ich es offenbar nicht lange aus.“
Sein großer musikalischer Lebenstraum ist eng mit jener Sinfonie verbunden, die ihn schon als Kind faszinierte: „Ganz oben steht, Gustav Mahlers Sinfonien mit einem großen Orchester zu dirigieren. Mit seiner Zweiten hat für mich ja alles angefangen. Und bis dahin gilt: Das beste Orchester ist immer das, vor dem man gerade steht.“
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