Nadine Seidl über Weinbau, Klimawandel und Zukunftschancen
Gemeinsam mit ihrem Mann Thomas führt die Weinbau- und Kellermeisterin Nadine Seidl den Familienbetrieb in Alberndorf in die Zukunft. Auf 30 Hektar Rebfläche setzt die junge Winzerfamilie auf Qualität, Direktvermarktung und persönliche Beziehungen zu ihren Kundinnen und Kunden.
Die Winzergene lassen sich offensichtlich nicht verleugnen: David ist erst 14 Monate alt, doch seinen grünen Spielzeugtraktor trägt er beinahe überallhin mit. Dabei beobachtet er interessiert, was im Keller, im Weingarten oder rund um die Maschinen passiert.
Während seine Mutter zwischen Rebstöcken, Büroarbeit und Kundenanfragen jongliert, ist er mittendrin statt nur dabei im abwechslungsreichen Alltag seiner Eltern Nadine und Thomas Seidl. Gemeinsam führen die beiden den Familienbetrieb in fünfter Generation und leben jeden Tag aufs Neue ihre Leidenschaft für Wein.
Nadine hat schon in jungen Jahren im Weinbaubetrieb ihrer Mutter in Haugsdorf mitgearbeitet und erste Weingartenluft geschnuppert. Und so wie ihre Mutter, die noch immer ihren kleinen, feinen Betrieb führt und einen Heurigen betreibt, ist sie heute Weinbau- und Kellermeisterin.
Rund 30 Hektar Rebfläche bewirtschaften Nadine und Thomas mit tatkräftiger Unterstützung seiner Eltern. Die Palette der vielfach prämierten Weine im Seidl-Weingut ist groß und reicht von Grünem Veltliner über Riesling, Chardonnay, Rivaner und Muskateller (den es auch als Frizzante gibt, ebenso wie den Frizzante Rosé) bis hin zu Zweigelt, Portugieser und Merlot. Die wichtigste Sorte des Betriebs ist, wie könnte es anders sein im Weinviertel, der Grüne Veltliner.
Weine werden meist persönlich geliefert
Besonders stolz ist die Familie auf die enge Beziehung zu ihren Kundinnen und Kunden. Statt auf den Handel setzt der Betrieb nämlich seit jeher auf Direktvermarktung. Woche für Woche sind die Seidls auf Liefertour und bringen ihre Weine persönlich zur Kundschaft in ganz Österreich und Bayern. Nur in Ausnahmefällen verlassen die Weinkartons den Betrieb per Paketdienst, etwa wenn es besonders schnell gehen muss oder die Kundschaft abseits der gewohnten Route wohnt.
„Wenn möglich, liefern wir alles persönlich aus. Das ist viel Arbeit, aber genau dadurch entsteht die enge, manchmal auch schon freundschaftliche Beziehung zu unseren Kundinnen und Kunden“, sagen die Seidls. Auch auf Nachhaltigkeit wird im Betrieb gesetzt: So werden die leeren Flaschen zurückgenommen, gereinigt und erneut verwendet.
Viele Aufgaben, ein gemeinsames Ziel
Eine strikte Arbeitsteilung im Betrieb gibt es nicht – dort, wo es nötig ist, packt man an. Trotzdem haben sich gewisse Schwerpunkte entwickelt. Während Thomas vor allem im Keller und in der Weinbereitung tätig ist, kümmert sich Nadine um Büroorganisation, Buchhaltung, Etiketten, Social Media und den Kontakt zu den Kundinnen und Kunden.
Mit der Geburt von Sohn David ist eine weitere wichtige Aufgabe dazugekommen. Der Familienzuwachs ist meist mitten im Geschehen dabei. „Ich finde, er muss lernen, dass die Arbeit dazugehört, und so sieht er auch, wie unser Wein entsteht.“ Darüber hinaus engagiert sich die junge Winzerin über den eigenen Betrieb hinaus für den Berufsstand.
Als Obmann-Stellvertreterin des Landesverbandes der ARGE Meister vertritt sie die Interessen der Meisterinnen und Meister im ländlichen Raum und bringt ihre Erfahrungen aus der Praxis in die Verbandsarbeit mit ein.
Weine, die Freude machen
Zurück in die Kellergasse in Alberndorf. Wenn die Winzerin über die Seidl-Weine spricht, wird schnell deutlich, worauf es ihr ankommt: Trinkfreude! Statt auf hohe Alkoholwerte wird auf Frische, Frucht und Ausgewogenheit gesetzt. „Die Leute wollen heute keine schweren 14-Prozent-Weine mehr. Zwölf Volumenprozent sind für viele genau richtig.“
Und welche Sorte landet bei ihr persönlich am häufigsten im Glas? „Ich trinke sehr gern Rivaner. Der hat schöne Muskatellernoten, ist aber nicht so laut. Der Grüne Veltliner geht natürlich auch immer.“
Wenn der Regen ausbleibt
Neben all den schönen Seiten des Berufs gibt es immer wieder Herausforderungen zu stemmen – besonders der Klimawandel beschäftigt die Familie zunehmend. Während ältere Rebstöcke durch ihre tiefen Wurzeln Trockenperioden oft noch gut überstehen, geraten junge Anlagen immer stärker unter Druck. „Der Rebstock ist ein Tiefwurzler und holt sich sein Wasser. Die jungen Reben leiden aber enorm“, erklärt Nadine.
Der heurige Sommer hat gezeigt, wie schwierig die Situation werden kann. „Um die 35 Grad über mehrere Wochen waren wirklich extrem. Anders als mit Bewässerung geht es teilweise gar nicht mehr.“ Welche Rebsorten künftig besser mit den veränderten Bedingungen zurechtkommen, wird eine der zentralen Fragen für den Weinbau sein. „Ich bin gespannt, wie sich der Weinbau entwickeln wird. Vielleicht werden andere Sorten oder neue Züchtungen eine größere Rolle spielen“, blickt die Winzerin in die Zukunft.
Bemühen um mehr Verständnis für die Landwirtschaft
Ein besonderes Anliegen ist der jungen Winzerin auch die Wertschätzung regionaler Lebensmittel. Über Social Media versucht sie, Einblicke in ihren Arbeitsalltag zu geben und Verständnis für die Landwirtschaft zu schaffen. „Die Leute sollen sehen, wo ihr Essen und Trinken herkommen und wie Lebensmittel produziert werden. Das ist enorm wichtig.“
Kritisch sieht sie dabei die oft vereinfachten Diskussionen über Pflanzenschutz und landwirtschaftliche Produktionsweisen. „Wir machen so viel wie notwendig und so wenig wie möglich“, beschreibt sie ihre Arbeitsweise im Betrieb, der konventionell geführt wird.
Trotz Trockenheit, steigender Anforderungen und vieler zusätzlicher Aufgaben blickt die junge Familie im Pulkautal positiv nach vorne. Die Freude an der Arbeit ist dabei ungebrochen. Oder wie die Winzerin selbst sagt: „Wir wollen zeigen, dass Weinbau modern ist, Freude macht und Zukunft hat.“ Ein Satz, der ihre Haltung und die Philosophie des Familienbetriebs treffend auf den Punkt bringt.
https://seidl-weingut.atDas gesamte NÖN-Extra „Das Beste vom Land“ finden Sie hier. Im Mittelpunkt der Sonderbeilage stehen Niederösterreichs Bäuerinnen, ihre Perspektiven und ihr vielfältiger Beitrag zur täglichen Arbeit auf den Höfen.