Montag, 2. November 2026
Plus Agrar-Interview 01.11.2026 · 05:30

Situation der Bio-Landwirtschaft: „Viele haben Existenzängste“

Deprimierend, aber es wird nicht aufgegeben: Walter Klingenbrunner auf einem seiner Felder im Sommer. Foto: Klingenbrunner

Walter Klingenbrunner, Obmann von Bio Austria Niederösterreich und Wien, über die herausfordernde Zeit in der Landwirtschaft.

NÖN: Das Thema Trockenheit bzw. Dürre beschäftigt auch die Bio-Bäuerinnen und -Bauern. Wie geht es Ihnen diesbezüglich?Walter Klingenbrunner: Das war und ist schon eine massive Belastung für unsere Betriebe. Unsere Bäuerinnen und Bauern sind angespannt, viele haben sogar Existenzängste. Und ja, viele mussten Rinder zum Schlachten geben, damit sie über die Runden kommen. In Niederösterreich wurden über mehrere Wochen dreimal so viele Tiere zur Schlachtung abgegeben wie sonst zu dieser Zeit üblich, weil das Futter nicht reicht – unabhängig davon, ob der Betrieb bio oder konventionell ist. Das hat zur Folge, dass die Viehpreise massiv verfallen.Hilft die Regierung ausreichend?Klingenbrunner: Grundsätzlich muss man dankbar sein, dass sich die Regierung auf eine Hilfe einigen konnte. Es gibt ja auch die Hagelversicherung, die man um die Dürreversicherung erweitern kann.Was heißt das, wenn man eine Dürreversicherung hat?Klingenbrunner: In der Regel wird so viel bezahlt, dass der Betrieb überleben kann. Es ist aber keine Vollkaskoversicherung. Allerdings muss man sagen, beim Grünland ist so eine Versicherung nicht so verbreitet, da sind nur rund 40 Prozent der Bäuerinnen und Bauern versichert.Frage zum Heu: Wie lange hält ein Heuballen, was kostet er? Klingenbrunner: Ein Jahr zu lagern ist überhaupt kein Problem und man nimmt ja immer das ältere Heu zum Füttern, aber darüber hinaus leidet die Qualität. Üblicherweise kostet ein Heurundballen 50 bis 60 Euro, heuer muss man das Doppelte dafür auslegen. Mit einem großen Heurundballen kommt ein Rind rund zehn Tage aus.Bei der Bio-Bäuerin bzw. beim Bio-Bauern sind die Rinder im Freien ...Klingenbrunner: Das ist eben eine Vorgabe in den Bio-Richtlinien, dass die Rinder auf die Weide dürfen. Wir Biobäuerinnen und Biobauern haben die Vorgabe, und wir verpflichten uns ja freiwillig dazu, dass die Tiere ganzjährig die Möglichkeit haben, auf die Weide zu gehen. Natürlich sofern es Witterung und Jahreszeit zulassen. Die Hitze, wie wir sie hatten, setzt den Tieren viel mehr zu als die Kälte.In den derzeit schweren Zeiten, wie intensiv hat Bio Austria die Bäuerinnen und Bauern beraten?Klingenbrunner: Unsere Beraterinnen und Berater waren bzw. sind massiv gefordert. Wir haben versucht, Kontakte herzustellen, wo wir Futter vermitteln können. Da waren wir sehr viel im Austausch mit unseren Mitgliedern.Da das Wetter immer wärmer und immer trockener wird, gibt es jetzt „südliche“ Sorten, die Bio-Bäuerinnen und Bio-Bauern schon verstärkt anbauen?Klingenbrunner: Wassermelonen, Oliven, Feigen, Zucchini ... Der Kürbis ist auch eine sehr wärmeliebende Pflanze, ihn hat man früher, vor 30 Jahren, eigentlich nur aus der Steiermark gekannt – mittlerweile ist Niederösterreich das größte Anbaugebiet. Im Weinviertel gibt es auch schon Betriebe, die Erdnüsse anbauen und das ist wirklich eine klassisch subtropische Pflanze, die hier sehr gut wächst. Einige Betriebe versuchen sich auch schon im Reisanbau, in diesem Fall Trockenreis. Biobetriebe sind generell auf der Suche nach Nischen, weil auch bei den Ackerfrüchten die Ernteausfälle heuer extrem sind.Der Bio-Award wurde heuer erstmals in Niederösterreich gekürt.Klingenbrunner: Unter dem Motto „BIOniere gestalten Zukunft“ würdigen wir alle zwei Jahre Betriebe, die Mut beweisen, Neues wagen und ihre Höfe zukunftsfit machen. Die erste Solidarische Landwirtschaft Österreichs – GeLa Ochsenherz aus Gänserndorf – gewann den ersten Bio-Award für Niederösterreich und Wien.Wie ist aktuell das Verhältnis konventionell zu bio?Klingenbrunner: Wir sind ungefähr ein Viertel der Betriebe, flächenmäßig 27 Prozent und betriebszahlenmäßig sind wir bei 24 Prozent.Gibt es aktuell viele neue Bio-Betriebe?Klingenbrunner: 2028 soll eine neue GAP-Periode (Gemeinsame Agrarpolitik) starten. Wir sind momentan in einer Phase, wo es schwieriger ist, neu einzusteigen. Jetzt heißt es für die Neuen „Bitte warten!“.Apropos Verkauf: Wie schaut es im Handel mit den Bio-Produkten aus?Klingenbrunner: Wir sind nicht unzufrieden, wenngleich: Es geht immer mehr! Aktuell sind wir bei zwölf Prozent im Schnitt quer bei allen Produkten, Tendenz stetig steigend. Bei Milchprodukten, Erdäpfeln und Eiern haben wir viel höhere Marktanteile.Wie schaut es aus mit den Bio-Wirten? Klingenbrunner: Ja, da gelingen uns Fortschritte. Die Restaurants, die Bio anbieten, die reinen Bio-Restaurants, werden immer mehr. Wir bieten unseren Partnern Bronze, Silber und Gold an. Bronze steht für 30 Prozent Bio-Anteil, Silber 60 Prozent und Gold über 90 Prozent. Und da ist schon Interesse da. Nicht jedes Interesse endet dann auch mit einer Partnerschaft – viele probieren einmal, machen und schauen, wie es ihnen geht und kommen dann nach ein, zwei Jahren und sagen, ja das passt oder das passt nicht.Thema Bio & Großküchen?Klingenbrunner: Dass Staat und Land massiv sparen müssen, spüren wird natürlich. Aber es geht letztendlich auch um die gesunde Ernährung der Jugend, der Kinder, aber auch der Angestellten ... Ein ganz, ganz schwieriges Thema! Bei den Großküchen treten wir leider ein bisschen auf der Stelle. Da müsste auch die Politik aktiver werden.Wie wichtig sind die Bäuerinnen und Bauern (bio und konventionell)? Klingenbrunner: Wir sehen ja jetzt, was los ist auf der ganzen Welt. Die Landwirtschaft ist das einzige Gewerbe, das wirklich raumfüllend, flächen- deckend ist. Also Bäuerinnen und Bauern gibt es auch im hintersten Winkel und dadurch wird letztendlich die ländliche Struktur erhalten. Ohne die Bäuerinnen und Bauern hätte unser Land nicht diese Lebensqualität, wie wir sie jetzt genießen!Ich frage jetzt mal frech: Sind Bio-Produkte zu billig in Österreich? Klingenbrunner: Die Bauernpreise sind generell bei den meisten Produkten zu niedrig.Das gesamte NÖN-Extra „Das Beste vom Land“ finden Sie hier. Im Mittelpunkt der Sonderbeilage stehen Niederösterreichs Bäuerinnen, ihre Perspektiven und ihr vielfältiger Beitrag zur täglichen Arbeit auf den Höfen.